Stallgeflüster

Warum verleitet die Pferdewelt eigentlich so viele junge Mädchen, aber auch Jungen zum Träumen? Was haben diese großen Fellkugeln, die sich für den ein oder anderen Laien nicht viel von einer Kuh oder einem Esel unterscheiden, aber dennoch eine ganz andere Anziehungskraft haben, nur an sich?

Obwohl ich beim Spielen aus Wut auf meine Schwestern dem Barbiepferd ein Bein brach, entbrannte die Faszination für Pferde schon in jungen Jahren. Mein Vater, ein leidenschaftlicher Kutscher, setzte mich im Alter von 6 Jahren das erste Mal auf ein Pferd und dort auf dem Pferderücken von „Puppe“, einer rotbraunen Stute mit blonder Mähne, haben mich diese edlen Tiere in den Bann gezogen. Bei jeder Gelegenheit begleitete ich meinen Vater auf der Kutsche und besuchte die Pferde meines Onkels. Als meine Tante dann endlich vorschlug, meine älteren Schwestern und mich auf ihrem Pferd zu longieren, war die Aufregung groß. Ja, ihr habt richtig gelesen – auch meine Schwestern wurden vom Pferdefieber gepackt. Alleine ich bin den eleganten Vierbeinern treu geblieben. Warum? Ich habe da meine eigene Theorie erstellt. In der Pubertät kristallisiert sich heraus, ob durch das Pferdemädchen die Pferdefrau ans Tageslicht kommt. Und ab diesem Zeitpunkt heißt es dann: Einmal Pferd – immer Pferd.

Zurück zu meinem Kindheits-Ich. Nach einigen Longestunden auf Moni, dem Pferd meiner Tante, wollte ich natürlich mehr, wie das nun so ist bei Kindern. Es gab einen kleinen Reitstall bei uns im Dorf und dort durfte ich ein bis zweimal die Woche mit auf Ausritten. Zurückblickend war das nicht so ungefährlich, denn vom Reiten hatte ich damals noch keine Ahnung – aber ich nenn es einfach Anfängerglück.

Der gemeinsame Spaziergang zur Trafik mit meiner Freundin um die neue „Wendy“ zu holen, war schon ein monatliches Ritual. Und der Drang in mir noch mehr über diese faszinierenden Tiere und den Umgang mit ihnen zu lernen, wurde dadurch nicht geschmälert. Ich beschloss für mich: Ich möchte richtig reiten lernen! Natürlich mussten erst meine Eltern von diesem Plan überzeugt werden, denn ganz so billig war der Spaß dann auch nicht. Nachdem ich meiner Mama monatelang damit in den Ohren lag, stimmte sie endlich zu. Ich war total euphorisch. Schon bald bestimmten die Pferde mein Leben und ich verbrachte, egal bei welchem Wetter, jede freie Minute im Pferdestall.

Selbstverständlich wurde der Wunsch nach einem eigenen Pferd immer größer. Da mich mein Vater jedes Jahr mit den Worten „im Frühjahr kaufen wir ein Pferd“ vertröstete, war die Hoffnung auf diesen lang ersehnten Wunsch nicht mehr allzu groß. Im Alter von 14 Jahren fuhr mein Vater mit mir zur Vereinskoppel und mit einer Handbewegung auf zwei neue Pferde stellte er mir die Frage: „Welches von den beiden gefällt dir besser?“ Die Stuten waren äußerlich sehr ähnlich, beide grau gesprenkelt mit weißen Punkten, etwa die gleiche Größe. Ich zeigte auf die hintere Stute, sie hatte einen Ausdruck in den Augen, der in mir ein Gefühl von Wärme aufstiegen lies. Er lächelte mich an und sagte: „Dann ist das nun deins!“ Und da stand es: mein erstes eigenes Pferd. Sieben wundervolle Jahre begleitete mich meine Sameda ein Stück auf meinem Weg und gemeinsam gingen wir durch Höhen und Tiefen. Als sie von der Erde ging, nahm sie auch einen Teil von mir mit. Sie war mein Zufluchtsort an schlechten Tagen und mein Glücksort an den guten. Am Boden zerstört, das im Leben verloren, das mir den größten Halt gab, hing ich meine Reitschuhe an den Nagel und wurde für über ein Jahr abstinent.

Mein guter Bekannter Andreas quasselte mich in diesen 18 Monaten ständig voll, warum ich nicht wieder in den Sattel steige und versuchte mich bei jeder Gelegenheit mit allen Mitteln zu überreden. Je länger die Zeit ohne Pferde dauerte, umso größer wurde die Sehnsucht in mir. Zuerst konnte ich nicht ganz zuordnen, was in meinem Leben fehlte und rückblickend gesehen, wollte ich das Gefühl vielleicht auch verdrängen. Dank der Sturheit von Andreas war es eine meiner besten Entscheidungen wieder in die Pferdewelt einzutauchen.

Aber was ist es nun, was die „Faszination Pferd“ für mich ausmacht? Pferde strahlen eine Ruhe aus, die auf mich wie ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit wirkt. Galoppiere ich über die grünen Felder, fühle ich mich frei und ungezwungen. Pferde lernen dir geduldig zu sein und auf dein Gefühl zu hören. Sie sind starke, wilde und anmutige Tiere, haben es aber nicht nötig die Schwäche von uns Menschen auszunutzen. Ein Pferd ist grundehrlich, es sieht dich mit einem Blick an und schaut dir mitten ins Herz. Was wir von ihnen lernen können, ist unendlich mehr Wert, als das was wir ihnen beibringen können. Und manchmal, wenn das Leben wieder scheiße ist und die Realität nervt, lassen sie mich wieder das kleine Pferdemädchen sein und die Welt rund um mich vergessen…

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6 Kommentare zu „Stallgeflüster

  1. so schön! ich wollte auch immer ein pferdemädchen sein, aber meine eltern hatten dafür leider gar kein verständnis. jetzt habe ich dafür ein „spaziergehpferd“ und in der jahreszeit, in der man nach der arbeit noch in den wald darf, versuche ich sie zumindest einmal pro woche zu besuchen. es ist wahnsinnig spannend, wie ein pferd darauf reagiert, wie du mit ihm umgehst. ob du unsicher bist oder nicht. und obwohl wir uns nicht sooo gut kennen, gibt es ein gewisses vertrauen, das ich unglaublich schön finde.

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    1. Das finde ich echt schade, liebe Paleica. Sie können einem so viel zurückgeben! Aber ich finde es toll, dass du trotzdem den Weg zu den Pferden gefunden hast. Obwohl sie so große Tiere sind, sind sie unglaublich feinfühlig, spüren sofort wie es dir geht und nehmen deine Energie auf. Ich bin auch oft nur zu fuss mit den Pferden unterwegs. Es ist einfach beruhigend neben ihnen zu stehen oder gehen und ihnen verbunden zu sein.

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